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Warum Ashton, Westerwelle & Co irren



Europas Superdemokraten eilten Ägyptens ex-Präsidenten Mohamed Morsi zu Hilfe, forderten seine Freilassung und die Beteiligung der Muslimbrüder an der aktuellen Politik. Einziger Alliierter der Ashtons und Westerwelles in dieser Forderung war Recep Tayyip Erdogan, Regierungschef der Türkei. Ein weiterer lupenreiner Demokrat?

Prima facie ist der Fall ganz einfach: ein gewählter Präsident eines befreundeten Landes wurde vom Militär gestürzt. Also muss man protestieren und die Wiederherstellung der Demokratie verlangen. Was EU-Aussenbeauftragte Catherine Ashton brav tat, die Morsi zusammen mit Alpha Oumar Konare von der Afrikanischen Union sogar besuchen durfte, und was Deutschlands Aussenminister Guido Westerwelle ebenfalls tat, freilich ohne Morsi sehen zu dürfen.

Zur Irritation mehrerer deutscher Politiker sieht US-Aussenminister John Kerry die Lage ganz anders. Er meint, Morsi sei abgesetzt worden, weil das Volk gegen ihn aufgestanden war und das Militär lediglich den Willen des Volkes vollstreckt habe. Das Militär hat also die Demokratie gerettet. So sieht es auch Präsident Obama.

Die Europäer betrachten den Eingriff der Streitkräfte als Putsch. Morsis Gegner aber beschuldigen den ehemaligen Präsidenten, in seiner einjährigen Regierungszeit die Demokratie durch einen kalten Putsch ausgehebelt und Ägypten in eine Hierokratie verwandelt zu haben, eine Priesterherrschaft.

Tatsache ist, dass Morsis Energie in diesen Monaten hauptsächlich darauf gerichtet war, an allen Schaltstellen der Macht fromme Bartträger zu installieren, ohne Ansehen ihrer Qualifikation. Während er darin rasche Fortschritte erzielte, ging die Wirtschaft im Krebsgang, die Devisenreserven schmolzen, die Grundversorgung stockte, das Volk litt und protestierte und das Land versank schrittweise im Chaos.

Ägypten ist nicht Iran, und Morsi ist von dem Charisma des Ayatollah Khomeini meilenweit entfernt. Das Jahr 2013 ist anders als 1979: es ist nicht mehr so leicht, im Nahen Osten eine Theokratie auszurufen und damit eine Hierokratie zu installieren, die Politiker durch Priester ersetzt.

Das haben die leitenden Köpfe der Muslimbrüder inzwischen erkannt. Sie haben offenbar begriffen, dass sie die einmalige Chance, die ihnen die Wähler vor Jahresfrist gaben, verspielt haben. Deswegen klammern sie sich verzweifelt an den Popanz Morsi und fordern seine Rückkehr ins Amt — und sei es auch nur für eine Stunde —, denn dies ist ihr einziger legaler Anspruch und ihre einzige Chance, wenigstens das Gesicht zu wahren.

Mit Eloquenz mobilisieren sie ihr Millionenheer der Frommen, vor allem die Beledi, die Fellachen und Vorstadt-Analphabeten, und senden sie in die Konfrontation mit Polizei, Militär und den Morsi-Gegnern aller Couleur. Jeder tote Bruder wird als Märtyrer gepriesen und als Erfolg gewertet. Irgendwann, so hoffen sie, würden ihnen die Toten den Sieg bringen, nämlich Morsis Rückkehr.

Warum ihnen Baroness Ashton und Guido Westerwelle beistehen, ist schwer zu begreifen. Die Brüder haben ein Jahr lang bewiesen, dass sie eine Hierokratie wollen, keine Demokratie. Sie haben gezeigt, dass sie unfähig sind, ein Land zu führen, in dem zwei Drittel der Bevölkerung nur überleben können, wenn ihr Brot, ihr Kochöl und ihr Benzin massiv subventioniert wird. Selbst ihre radikalen Vettern, die Salafisten, haben sich von den Brüdern abgewandt.

Das unbeirrbare Bestreben des politischen Islam, die weltliche und geistliche Macht zu erringen und dann zu monopolisieren, wird die Länder zwischen Marokko und Pakistan, zwischen dem Kaukasus und Nigeria noch viele Jahre lang quälen und enorme Todesopfer fordern. Solange sich der Islam nicht aus der Politik zurückzieht, ist Demokratie in diesen Ländern schwierig, wenn nicht unmöglich, wie man am Beispiel der Türkei sieht.

Algerien hat das Problem auf schlimmste Art gelöst, wie es scheint. Jahre eines Bürgerkriegs mit Hekatomben von Opfern haben den politischen Islam zermürbt. Das Militär hat gesiegt. Sehr demokratisch ist das Land dadurch allerdings nicht geworden.

Man kann Ägypten nur wünschen, dass die Brüder bald ihre hierokratischen Träume aufgeben und wieder werden, was sie einst waren: eine unter mehreren islamischen Sekten. Nur wenn sie die kapitalen Fehler der Regierung Morsi eingestehen, sich von ihm trennen und einen Neuanfang als demokratische Opposition wagen, könnten sie Ägyptens Zukunft mitbestimmen.

Wenn nicht, wird Ägypten ihre sit-ins, ihre Protestmärsche und Aufrufe bald ignorieren. Es gibt wichtigere Probleme für das Nilland, die dringend der Lösung harren, als die Befindlichkeiten der Brüder und ihr Phantomschmerz der geschenkten und wieder verlorenen Macht.

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—— Ihsan al-Tawil طويل